Visions du Réel hat die Freude und die Ehre, die amerikanische Filmemacherin Kelly Reichardt als Ehrengast der 57. Festivalausgabe begrüssen zu dürfen. Kelly Reichardt wird am Festival im Zuge einer Masterclass, einer Retrospektive ihres Werkes sowie einer Carte blanche teilnehmen, wobei auch ihr jüngster Langfilm The Mastermind als Vorpremiere
zur Aufführung kommen wird. Die aus dem aktuellen Independent-Kino nicht mehr wegzudenkende Filmemacherin wird über ihre kühne, akribische und radikale Filmografie sprechen, deren minimalistische, in Gesten, Schauplätzen und Zeit verankerten Spielfilme sich oft mit den grossen amerikanischen Mythologien beschäftigen und sich durch eine Ästhetik der Reduktion und der Beobachtung und eine Verweigerung des Spektakulären auszeichnen.

Diese Hommage ist Teil der wertvollen Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und der Filmabteilung der ECAL, sowie einer vor einigen Jahren eingeleiteten Zusammenarbeit mit der Fondazione Prada. Das vollständige Programm der 57. Ausgabe von Visions du Réel wird am 25. März bekanntgegeben werden

Die in Florida geborene, aber seit ihrem zweiten Film in die grünen Landschaften Oregons verliebte Kelly Reichardt verändert unseren Blick auf die territorialen Gründungsmythen Amerikas. Mit neun Langfilmen in dreissig Jahren – darunter Meek’s Cutoff, First Cow oder Certain Women – und einigen Kurzfilmen zeichnet sich ihre mit Sorgfalt, fernab der grossen Hollywoodstudios erarbeitete Filmografie durch ihre Bescheidenheit in der Wahl der Mittel aus und durch ihren Hang, typisch amerikanische Filmgenres wie den Western, den Thriller, den Historienfilm oder das Roadmovie neu zu interpretieren. Ihr Anliegen, die vom amerikanischen Traum Ausgeschlossenen ins Licht zu rücken, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk.

Auch wenn sie dem Spielfilm verpflichtet ist, flirtet Kelly Reichardt in ihrer Arbeit in vielerlei Hinsicht mit dem (Kino) des Realen: Ablehnung von Sensationalismus, Ökonomie der Produktion, reduzierte Narration und strenge Ästhetik, ausführliches Locationscouting, Anpassung des Drehbuchs an die Drehbedingungen, sowie das Eintauchen des Teams in die Lebensverhältnisse an den Filmschauplätzen bilden das methodische Fundament einer filmischen Herangehensweise, die so besonders wie unverwechselbar ist. Indem sie ihre Aufmerksamkeit auf alltägliche Verrichtungen, auf Schauplätze und Nebensächlichkeiten richtet, verwandelt die Filmemacherin den Spielfilm in ein sensibles und ethisches Instrument der Weltbetrachtung.

In 1994 realisiert Reichardt ihren ersten Langfilm River of Grass, eine Mischung aus Roadmovie, Romanze und Krimi, die oft als nüchterne Version von Bonnie and Clyde bezeichnet wird. Der Film wurde beim Sundance Festival und in Berlin gezeigt und beweist ihre Vorliebe für entlegene Gegenden und ein Erzählen zwischen den Zeilen. Um die Jahrtausendwende herum macht Reichardt eine Pause vom Langfilm und erkundet leichtere filmische Formen, die sie auf Super 8 und völlig unabhängig dreht: Ode (1999), ein kontemplativer mittellanger Film, sowie die Kurzfilme Then a Year (2001), den sie in Portland in Oregon dreht und der auf einer Klangcollage aus Fernsehsendungen über das Verbrechen basiert, und Travis (2004), der auf ein rekonstruiertes Interview mit einer Mutter aus Portland zurückgeht, deren Sohn im Irak getötet wurde.

Ab den 2000er-Jahren beschäftigen sich die Filme von Kelly Reichardt mit den politischen, ökonomischen und sozialen Realitäten des zeitgenössischen Amerika, die sie nun ins Zentrum ihrer Geschichten rückt. Vor dem Hintergrund der Bush-Ära und des Irakkriegs liefert sie uns mit Old Joy (2006, Tiger Award Rotterdam) eine ruhige Meditation über die Freundschaft in einer zwischen Gentrifikation und sozialem Abstieg zerrissenen Gesellschaft. In Wendy and Lucy (2008, Un Certain Regard in Cannes), der von der massiven Prekarisierung inspiriert ist, die infolge des Hurrikans Katrina zu beobachten war, richtet Reichardt ihre Aufmerksamkeit auf die Ränder und filmt mit extremer Zurückhaltung den sozialen Abstieg einer jungen Frau, die sich mit der Armut konfrontiert sieht.

Auch untersucht die Filmemacherin die Ursprünge der amerikanischen Gesellschaft in zwei Anti-Western: In Meek’s Cutoff, (2010, Mostra von Venedig) und First Cow (2019, Festival von Cannes) dekonstruiert sie die Heldengeschichte von der Eroberung des Westens, indem sie lange übersehene Formen von Arbeit, Herrschaft und Enteignung sichtbar macht. Diese Konzentration auf die moralischen und politischen Folgen von Taten kennzeichnet auch ihren schlichten Ökothriller Night Moves (2013, Mostra von Venedig), sowie ihre Filme Certain Women und Showing Up (2016 et 2022, Festival von Cannes), zwei sensible Porträts einfacher Menschen, die mit den Zwängen des Alltags kämpfen.

Mit ihrem letzten Film The Mastermind (2025), der auch im Wettbewerb des Festivals von Cannes gelaufen ist, erzählt Kelly Reichardt die Geschichte eines Kunstraubs und seiner Folgen vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der Frauenbewegung in den unruhigen 1970er-Jahren.

Die Filme von Kelly Reichardt waren Gegenstand zahlreicher Retrospektiven wie im MoMa, im Centre Pompidou, in den Anthology Film Archives, im Walker Art Center und in der American Cinematheque von Los Angeles, sowie im Rahmen einer Europa-Tournee (The American Landscape: The Films of Kelly Reichardt). Reichardt gewann die Carrosse d’Or an der Quinzaine des Réalisateurs am Festival von Cannes 2022 und erhielt mehrere bedeutende Stipendien wie das Guggenheim-Stipendium. Sie unterrichtet Film, 2019 an der Universität von Harvard und aktuell am Bard College.

Nach Werner Herzog, Claire Denis, Lucrecia Martel, Jia Zhang-ke, Raoul Peck, Marco Bellocchio, Claire Simon oder Emmanuel Carrère reiht sich Kelly Reichardt eindrucksvoll in die Liste der Ehrengäste der vergangenen Jahre ein.

1994 – River of Grass1999 – Ode – Kurzfilm2002 – Then a Year – Kurzfilm2004 – Travis – Kurzfilm2006 – Old Joy2008 – Wendy and Lucy2010 – Meek’s Cutoff2013 – Night Moves2016 – Certain Women2019 – First Cow2019 – Owl – Kurzfilm2021 – Bronx, New York, Novembre 2019 – Kurzfilm2021 – Cal State Long Beach, CA, Janvier 2020 – Kurzfilm2022 – Showing Up2025 – The Mastermind