Visions du Réel wird bei seiner nächsten Ausgabe (21. bis 30. April 2023) die italienische Regisseurin, Drehbuchautorin und Cutterin Alice Rohrwacher als Spezialgästin begrüssen. Als Vorreiterin einer neuen Generation von italienischen Autor:innen ist Alice Rohrwacher heute eine kraftvolle Stimme des zeitgenössischen Kinos. Visions du Réel freut sich, diese von einer kühnen Vision getragene Filmemacherin im Rahmen einer Masterclass (Samstag, 22. April in der Usine à Gaz) und einer Retrospektive ihres fiktionalen, hybriden und dokumentarischen Werks zu empfangen. Diese Einladung wird in Zusammenarbeit mit der HEAD – Genève angeboten.

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Ein Essay über Alice Rohrwachers Werk, von Aurélien Marsais für Visions du Réel geschrieben, ist im Journal des invité·e·s zu finden.

Die Filme von Alice Rohrwacher, die weltweit bereits mehrfach ausgezeichnet wurden, unter anderem bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, sind unverwechselbar und haben die zeitgenössische Filmproduktion bereits nachhaltig geprägt. Sie gehört einer neuen Generation italienischer Autor:innen an, die mit dem Dokumentarfilm und dem Erbe des Neorealismus aufwuchsen, wie auch Francesco Munzi und Pietro Marcello (Atelier VdR 2021), mit denen sie u. a. den Dokumentarfilm Futura drehte. Ihr Werk steht seit einigen Jahren für eine regelrechte Renaissance des italienischen Autorenkinos. 

Die Impulse für die an sozialen Realismus grenzenden Welten, die Alice Rohrwacher erschafft, können durchaus Schlagzeilen in Lokalzeitungen entstammen, wobei sie gleichzeitig die Merkmale eines bestimmten Genres verschmitzt verfremdet. Ausserhalb des eigentlichen Dokumentarfilms bindet sie Themen und Figuren, die einen direkten Bezug zur Realität aufweisen, ausgeklügelt in ihr Werk ein. Das Ergebnis ist eine traumähnliche, fast mythologische Ästhetik, welche durch einen häufigen Einsatz von Analogfilm sublimiert wird. Die Verankerung ihrer Erzählungen in asketischen ländlichen Umgebungen macht die gestörte Beziehung zwischen den Randbezirken und den Stadtzentren und die Ängste der Menschen im Angesicht einer zutiefst ungerechten Welt deutlich. Ein reicher und vielfältiger, durch und durch politischer Erzählraum, den sowohl Laienschauspieler:innen als auch Stars des zeitgenössischen Kinos (Monica Bellucci, Sergi López) füllen.

Alice Rohrwacher, eine führende Vertreterin des italienischen Autorenkinos, wurde in Fiesole (Italien) geboren und studierte Literatur und Philosophie in Turin und Lissabon. Zunächst schrieb sie für das Theater und arbeitete mit zahlreichen Regisseur:innen als Musikerin, bevor sie sich dem Film zuwandte, wo sie anfangs als Cutterin für Dokumentarfilme tätig war.

Nach Un Piccolo Spettacolo, einem Dokumentarfilm, bei dem sie 2003 zusammen mit Pier Paolo Giarolo Regie führte, drehte sie 2011 ihren ersten Spielfilm, Corpo Celeste, der in Cannes (Quinzaine des Réalisateurs) gezeigt wurde und anschliessend bei den Festivals von Sundance, New York, London, Rio und Tokio ausgewählt wurde. Ihr zweiter Spielfilm, Le Meraviglie, gewann 2014 den Grossen Preis bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, während ihr dritter Film, Lazzaro Felice (2018), ebenfalls in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Alle drei Filme wurden in der Schweiz koproduziert. Danach arbeitete sie in diversen Projekten und führte Regie bei verschiedenen Kurzfilmen, darunter Omelia Contadina, einer „kinematografische Aktion“ in Zusammenarbeit mit dem französischen Fotografen JR, die sich Landwirt:innen widmet, die multinationalen Lebensmittelkonzernen den Kampf angesagt haben. Der Film wurde in Venedig und beim Festival Lumière in Lyon gezeigt. Im Jahr 2020 drehte sie mit Rai und HBO zwei Folgen der Serie L’amica geniale nach den Romanen von Elena Ferrante. 2021 kehrte sie mit dem Dokumentarfilm Futura nach Cannes zurück, für den sie gemeinsam mit Pietro Marcello und Francesco Munzi die Hoffnungen und Ängste der italienischen Jugend während der Pandemie dokumentierte.

2023 erhielt Le Pupille, koproduziert von Alfonso Cuarón für Disney+, in der Kategorie Bester Kurzfilm eine Oscarnominierung bei den Academy Awards, nachdem er 2022 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt worden war. Ihr nächster Spielfilm La Chimera mit Josh O’Connor, Isabella Rossellini, Carol Duarte und Vincenzo Nemolato in den Hauptrollen befindet sich derzeit in der Postproduktion.

  • un piccolo spettacolo, 2005, 65’ (Dokumentarfilm)
  • Checosamanca, 2006, 98min (Dokumentarfilm, Gemeinschaftsfilm)
  • Corpo Celeste, 2006, 99min, (Fiktion)
  • Le meraviglie (Les Merveilles), 204, 110min (Fiktion)
  • 9×10 novanta, episode « Una canzone », 2014, 11min, (Dokumentarfilm)
  • De Djess, 2015, 15min (Fiktion)
  • Violettina, 2016, 4min (Fiktion, Kurzfilm als Teil von La traviata, eine Oper)
  • Lazzaro felice, 2018, 128min (Fiktion)
  • L’amica geniale, Fernsehserie, Herstellung von zwei Episoden im Jahr 2020 mit einer Länge von jeweils ca. 60min (fiction)
  • Omelia contadina, 2020, 9min (hybrid)
  • Ad una mela, 2020, 2min (hybrid)
  • Quattro strade, 2020, 8min (Dokumentarfilm)
  • Futura, 2021, 75min (Dokumentarfilm)
  • Le pupille, 2022, 37 min (Fiktion)

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