Visions du Réel hat die Ehre, den herausragenden ukrainischen Filmemacher Sergei Loznitsa als Spezialgast der 57. Festivalausgabe ankündigen zu dürfen. Am Samstag, den 18. April, wird Sergei Loznitsa an der kommenden Ausgabe des Festivals im Rahmen einer Masterclass in Zusammenarbeit mit Arte und HEAD – Genève teilnehmen. Eine Retrospektive seines okumentarischen Werks wird ebenfalls Teil des Programms sein.
In der Tradition der sowjetischen Avantgarde durchkämmen seine Filme post-sowjetisches Territorium und Gedächtnis, samt allen Umwälzungen und ewaltzyklen. In seinem Werk, das von einem nahezu mathematischem Formalismus und dem häufigen Einsatz historischer Archivbilder geprägt ist, beobachtet er den Lauf der Geschichte mit seinen etlichen autoritären Auswüchsen, und untersucht dabei die Erinnerungsprozesse, die die Tragödien der Vergangenheit widerspiegeln.

Bevor er zu einer der wichtigsten Figuren der zeitgenössischen Filmlandschaft wurde, arbeitete der ausgebildete Mathematiker und Ingenieur Sergei Loznitsa als auf Künstliche Intelligenz spezialisierter Wissenschaftler am Institut für Kybernetik in Kiew. Während des Zerfalls der UdSSR machte er seine filmische Ausbildung und hat mittlerweile 28 lange Dokumentar- und fünf Spielfilme auf seinem Konto. Seine Werke liefern eine so prägnante wie faszinierende Sicht auf die post-sowjetische Ära und zeugen von einer analytischen und kritischen Geschichtsbetrachtung.

Seine dem Direct Cinema verpflichteten und vorwiegend in festen Einstellungen gedrehten Filme enthalten sich jeden Kommentars und widmen sich dem brandaktuellen Zeitgeschehen ebenso wie den Traumata der Vergangenheit. Drei seiner Filme nehmen dementsprechend die politische Lage in der Ukraine und die Orte, an denen Geschichte geschrieben wurde, unter die Lupe. Mit dem in knapp 4 Monaten gedrehten und in einer Sondervorführung auf dem Festival von Cannes präsentierten Maidan (2014) erweist sich Sergei Loznitsa als Chronist der Demonstrationen, die zur ukrainischen Revolution geführt haben. Er zeichnet ein strukturalistisches Fresko, dessen einziger Held die sich gerade herausbildende politische Gemeinschaft ist. In Donbass (2018), dessen Drehbuch sich auf auf Youtube gefundene Amateurvideos stützte, schildert der Filmemacher die Machtübernahme in der Region Donbass durch russischsprachige Milizen, die in Konflikt mit der ukrainischen Armee geraten sind. In dreizehn tableau-ähnlichen Sequenzen beschreibt sein Film den Alltag der zwischen Loyalität und Separatismus feststeckenden Einwohner*innen. In The Invasion (2024), einem Film über den Kampf seines Landes gegen die russische Invasion, setzt Sergei Loznitsa seine ukrainische Chronik schliesslich fort. Der in einem Zeitraum von zwei Jahren gedrehte Film schildert das Leben der Zivilbevölkerung im gesamten Gebiet der Ukraine und fängt die Widerstandskraft der ukrainischen Bevölkerung gegen den russischen Angriffskrieg ein.

Der ebenfalls dem Direct Cinema verpflichtete Austerlitz (2016) hinterfragt die Banalisierung der Erinnerung an die Shoa und fängt in langen, fixen Schwarz-Weiss-Einstellungen Touristen beim Besuch eines alten Konzentrationslagers ein, das in eine Gedenkstätte umgewandelt wurde. Das Werk von Sergei Loznitsa zeichnet sich auch durch mehrere „Remontage“-Filme aus, die aus bereits vorhandenem Material zusammengesetzt sind und in denen die Trennung von Bild und Ton zum Gestaltungsprinzip erhoben wird. Diese Filme basieren auf Archivmaterial und auf dessen Umgestaltung vermittels der Montage und anderer formaler Beschlüsse, vor allem auf der Ton-Ebene, bei der die Bedeutung der Arbeit von Vladimir Golovnitsky zum Tragen kommt, der seit 2003 Loznitsas fester Tonmann ist.

Dieser künstlerische Ansatz erlaubt es Sergei Loznitsa, die toten Winkel der sowjetischen Geschichte auszuleuchten, aber auch die Vergangenheit mit der Gegenwart in Dialog zu setzen, indem er die Prozesse hinterfragt, die die Herausbildung des kollektiven post-sowjetischen Gedächtnisses gestalten. So wurde Blockade (2005) ausschliesslich aus während der Belagerung von Leningrad (8. September 1941 – 27. Januar 1944) gedrehten Bildern montiert, wobei der Krieg nur im Off stattfindet und der tägliche Überlebenskampf der Bevölkerung im Vordergrund steht. Mittels Propaganda- und Nachrichtenfilmen schildert Predstavlenie (2008) das Leben der Sowjets in den Jahren 1950– 1960, während The Event (2015) sich dem 1991 in Moskau stattgefundenen Staatsstreich widmet. Der 2020 in Nyon gezeigte State Funeral (2019) geht anhand von Archivaufnahmen des Begräbnisses von Stalin im Jahr 1953 der Frage des Personenkults nach, und der auf dem Festival von Cannes in einer Sondervorführung gezeigte Babi Yar. Context (2021) beschäftigt sich ganz ohne Off-Kommentar mit der Geschichte des grössten Massakers an Juden während des Zweiten Weltkriegs, das unweit von Kiew stattfand. Durch seine Montage und die Vertonung von Archivbildern rekonstruiert Sergei Loznitsa die Ereignisse, die 1941 zur Hinrichtung von 33 000 Juden durch die deutschen Einsatzgruppen führten. Der Film wurde mit dem Prix spécial du Jury de l’Œil d’or ausgezeichnet.

Sergei Loznitsa ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Er wurde am 5. September 1964 in der ehemaligen UdSSR geboren und ist in Kiew aufgewachsen. Nach seinem Abschluss in Mathematik 1987 am Polytechnikum in Kiew forschte er von 1987 bis 1991 am Institut für Kybernetik in Kiew im Fachbereich Künstliche Intelligenz.

1997 schloss Sergei Loznitsa sein Studium an der renommierten russischen Filmhochschule in Moskau (VGIK) ab. Seither hat er seine Kunst in 28 Dokumentar- und fünf Spielfilmen weiterentwickelt.

Sein erster langer Spielfilm, My Joy (2010), lief auf dem Festival von Cannes im Wettbewerb. Zwei Jahre später folgte der Spielfilm In the Fog (2012), der den Prix FIPRESCI an der Croisette gewann. 2014 kehrte der Filmemacher an die Croisette zurück, um dort einer Sondervorführung die Weltpremiere seines Films Maidan zu feiern. 2017 lief sein dritter Spielfilm, A Gentle Creature, im Wettbewerb von Cannes. 2018 gewann der ukrainische Filmemacher mit Donbass den Prix Un Certain Regard und 2021 mit seinem Film Babi Yar. Context den Prix spécial du Jury de L’Œil d’or am Festival von Cannes. Fortan ist Sergei Loznitsa Stammgast an der Croisette, seine Filme The Invasion (2024) und Two Prosecutors (2025) feierten dort Weltpremiere. Letzterer, der auch sein bis dato jüngster Spielfilm ist, ging auf dem letztjährigen Festival von Cannes ins Rennen um die Goldene Palme. Seine Filme The Event (2015), Austerlitz (2016), State Funeral (2019) und The Kiev Trial (2022) liefen in Sondervorführungen an der Mostra von Venedig.

Des Weiteren ist Sergei Loznitsa Gründer der Produktionsfirma ATOMS & VOID. Seit Anfang der 2000er-Jahre lebt er in Deutschland und Litauen.