Visions du Réel ehrt den französischen Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Emmanuel Carrère mit der höchsten Auszeichnung des Festivals, dem renommierten Ehrenpreis (vormals Maitre du Réel).

Die Würdigung umfasst eine Masterclass am Dienstag 20. April und eine Carte blanche, sowie die Vorführung seines Dokumentarfilms Retour à Kotelnitch (2003). Die Auszeichnung wird im Rahmen der 52. Ausgabe des Festivals vom 15. bis 25. April 2021 verliehen. Partner der Einladung sind die Cinémathèque suisse und die Kunsthochschule ECAL.

Emmanuel Carrère zum Ehrengast der nächsten Festivalausgabe zu machen, widerspiegelt den fortwährenden Anspruch des Festivals, die Bestimmung des Realen immer weiter zu ergründen, in all ihren Formen und Ausprägungen, ob im Film oder in der Literatur. In seinem literarischem Werk und in seiner Haltung gegenüber dem Bild, dem Kino – sogar der Fiktion – zeigt Emmanuel Carrère ein grundlegendes Interesse an den Fragmenten des Lebens und an den Leerstellen dazwischen. Er nimmt den Platz eines subjektiven Zeugen ein und berichtet in der ersten Person von denjenigen, die ihm nicht ähneln. Im Beschreiben dieser unüberwindbaren Differenz sucht er nach Gemeinschaft. Damit nähert sich dieser Autor unweigerlich den Ansätzen und der Praxis des Cinéma du réel an.

Emmanuel Carrère wird 1957 in Paris geboren, besucht das Institut d’études politiques (Sciences Po) und absolviert den Militärdienst in Indonesien. Zurück in Frankreich schreibt er als Filmkritiker für die Fachzeitschriften Positif und Télérama und bringt 1982 sein erstes Buch heraus, eine Monografie über den deutschen Filmemacher Werner Herzog. In einem viel beachteten biographischen Essai über Philip K. Dick (Je suis vivant et vous êtes morts, 1993) lässt er bereits erkennen, was später zu seinem stilistischen Markenzeichen werden wird. In der formellen Recherche gelingt es ihm, den  romanhaften Teil von ganz und gar wahren Begebenheiten herauszuschälen, wie er mit L’Adversaire (Der Widersacher) emblematisch zeigt. Der verstörende Bericht über den «Fall Romand» – im Jahr 2002 von Nicole Garcia verfilmt – wird zum ersten grossen Erfolg seiner Karriere.

Nun zieht Emmanuel Carrère alle Register und wechselt mit Interesse und Leichtigkeit zwischen den Medien. Er ist Journalist und Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher. Als Autor der vielgestaltigen Befragung erkundet er den Glauben und unsere Introspektion, während die Frage des Realen im Hintergrund immer mitschwingt. In seinem Kinodebüt Retour à Kotelnitch (2003) verbindet er russische Geschichte mit persönlicher Biografie. Das dokumentarische Werk feiert am Filmfestival Venedig Premiere. 2005 verfilmt er mit Vincent Lindon und Emmanuelle Devos seinen eigenen Roman La Moustache (Der Schnurrbart) und wird von der Quinzaine des réalisateurs des Filmfestivals Cannes eingeladen. Die Romanbiografie Limonov,  eine seiner bekanntesten Arbeiten, trägt ihm 2011 den renommierten Prix Renaudot ein. In einem immer vielgestaltigeren Werk befragt er brillant sowohl die Undurchlässigkeit der Fiktion als auch die Sonderbarkeit der greifbaren Welt. Sein aktuelles Buch Yoga (2020) ist eine so schonungslose wie intime und humorvolle Betrachtung unserer Welt und der suchenden Seelen, die sie bevölkern. 2021 wird Carrères neuste Regiearbeit Le Quai de Ouistreham erwartet, die auf der gleichnamigen Autobiografie der investigativen Journalistin Florence Aubenas beruht. Die Hauptrolle spielt Juliette Binoche.

In seinem Essai Warum ich das Kino liebe1 , erklärte Emmanuel Carrère: «Der rohe Dokumentarfilm über die unzähligen Faktoren des Realen, die wir mehr oder weniger zähmen können, und die zur Fiktion führen (oder auch zum Dokumentarfilm), faszinieren mich im Grunde stärker als diese Fiktion. Alles, was gefilmt wurde, fasziniert mich, ich sortiere erst später und das in einem radikal anderen Verfahren. Man kann über das Reale nicht richten, wie mir scheint.»

Das Filmprogramm von Visions du Réel umfasst Retour à Kotelnitch (2003) und eine Carte Blanche, die Emmanuel Carrère dazu nutzen wird, prägende Filme vorzustellen. Dank einer langjähriger und fruchtbarer Kollaboration zeigt die Cinémathèque suisse im Rahmen dieser Hommage Filme, die Emmanuel Carrère inszeniert oder geschrieben hat. Zudem gibt der Ehrengast 2021 anlässlich seiner Ehrung eine öffentliche, dreistündige Masterclass, für die das Festival erneut auf die ebenso nachhaltige Zusammenarbeit mit der ECAL zählen kann. Diese Begegnung wird es erlauben, Emmanuel Carrères Beziehung zum Realen, zum Bild und zum Kino weiter zu befragen.

Die Auszeichnung Maître du Réel wird von Visions du Réel seit 2014 verliehen. Sie würdigt das Werk von Filmschaffenden, die Brücken zwischen dem dokumentarischen und Spielfilm schlagen. Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören Regisseurinnen und Regisseure wie Claire Denis und Werner Herzog – der anlässlich des 50. Festivaljubiläums geehrt wurde – oder Peter Greenaway, Alain Cavalier, Claire Simon, Barbet Schroeder und Richard Dindo. Emmanuel Carrère setzt die illustre Reihe als erster Ehrengast des Festivals fort.

  • Werner Herzog, 1982 (essay, monography)
  • The Jaguar’s Friend, 1983 (novel)
  • Gothic Romance, 1984 (novel)
  • The Mustache, 1986 (novel)
  • The Behring Strait, 1986 (essay)
  • Out of Reach, 1988 (novel)
  • I Am Alive and You Are Dead : A Journey into the Mind of Philip K. Dick, 1993 (biography dedicated to P.K. Dick)
  • Class Trip, 1995 (novel)
  • La Classe de neige, by Claude Miller, 1998, (adapted from the novel)
  • The AdversaryA True Story of Monstrous Deception, 2000 (account)
  • The Adversary, by Nicole Garcia, 2002 (adapted from the novel)
  • Le Soldat perdu, 2003 (TV Report)
  • Retour à Kotelnitch, 2003 (film)
  • The Mustache, 2005 (film)
  • My Life as a Russian Novel, 2007 (account)
  • Lives Other Than My Own, 2009 (account)
  • Limonov : The Outrageous Adventures, 2011 (account)
  • The Kingdom, 2014 (account)
  • 97,196 Words, 2016 (account)
  • Yoga, 2020 (account)
  • Le Quai de Ouistreham, planned release 2021 (film)


1 Emmanuel Carrère, Pourquoi j’aime le cinéma, in: Emmanuel Carrère, faire effraction dans le réel, herausgegeben von Laurent Demanze und Dominique Rabaté, P.O.L., 2018.

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