Visions du Réel ehrt die grosse, radikale und abenteuerlustige Filmemacherin Claire Denis mit dem Sesterce d’or Prix Raiffeisen Maître du Réel. Sie ist eine herausragende Persönlichkeit des zeitgenössischen Filmschaffens. Sie drehte über 30 Kinofilme, darunter sechs Dokumentarfilme. Eine selektive Retrospektive ist ihrem Werk gewidmet, und sie wird während der Festivaldaten eineOnline-Masterclass abhalten (das genaue Datum wird demnächst auf der Website des Festivals bekanntgegeben). Diese Einladung erfolgt in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse und der ECAL (Ecole cantonale d’art de Lausanne).


Claire Denis, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des zeitgenössischen Kinos, kam als Jugendliche zurück nach Frankreich, nachdem sie ihre Kindheit in verschiedenen Ländern Afrikas verbracht hatte. Erst da entdeckte sie das Kino, später den Kino Klub des Gymnasiums, und schlussendlich das Autorenkino an der französischen Cinémathèque. Sie studierte Literatur und Wirtschaft, arbeitete für das Schulfernsehen des Niger, und studierte anschliessend am Institut des Hautes études cinématographiques in Paris. Sie drehte Kurzfilme und wurde Regieassistentin, etwa bei Jacques Rivette (der 1990 Gegenstand ihres Dokumentarfilms Jacques Rivette, Le Veilleur war), Dušan Makavejev, Roberto Enrico und Costa-Gavras. 1983 arbeitete sie mit Wim Wenders an Paris, Texas und Der Himmel über Berlin. Nachdem sie 1986 für Jim Jarmusch, welchen sie über den Musiker John Lurie kennen gelernt hatte, als Assistentin bei Down by Law gearbeitet hatte, drehte sie 1988 ihren ersten eigenen Film Chocolat, welcher sogleich für die Filmfestspiele Cannes ausgewählt und 1989 für den César nominiert wurde. Dies war auch die erste Zusammenarbeit mit Agnès Godard, welche sie an der Filmhochschule La Fémis kennenlernte, und die Kamerafrau für alle ihre späteren Filme wurde. Es folgten rund 30 Filme, darunter sechs Dokumentarfilme und nicht weniger als 17 Kinofilme, unter anderem Nénette et Boni, für welchen sie 1996 den Goldener Leopard am Locarno Film Festival erhielt, der emblematische Film Beau Travail, welcher auch an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig im Jahre 1990 gezeigt wurde, sowie Trouble Every Day mit Béatrice Dalle und Vincent Gallo, welcher 2001 an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes vorgeführt wurde. Ihr letztes Werk, High Life, zugleich umstritten und umjubelt, begann seinen Erfolg an den Filmfestivals von San Sebastian, Toronto und New York (2018), und zeigt Robert Pattinson und Juliette Binoche, mit welcher Claire Denis bereits mehrfach gedreht hat.

Über ihre Dokumentarfilme hinaus unterhält Claire Denis auf einzigartige und einfühlsame Weise einen immer wiederkehrenden Bezug zur Realität in der Fiktion oder sogar in der Science-Fiction. Sie ermöglicht die Entfaltung einer reellen Materie in der Fiktion durch das Erschaffen von Lücken und Pausen, sei es im Rhythmus der Montage, oder der Erforschung von Körpern und Begehren, welche die Möglichkeiten des reinen Schauspiels oder deren Inszenierung überschreitet. Aus nebensächlichen Ereignissen, einer persönlichen Erfahrung oder dem Körper eines Schauspielers oder einer Schauspielerin kreiert Claire Denis kinematografische Objekte, welche zugleich modern und abenteuerlich sind, zwischen formaler Strenge und euphorischer Sinnlichkeit pendeln.

 


Programm


Filmografie

High Life, 2018
Un beau soleil intérieur, 2017
Le Camp de Breidjing, 2015
Contact, 2014
Voilà l’enchaînement, 2014
Les Salauds, 2013
Venezia 70: Future Reloaded, 2013
Aller au diable, 2011
White Material, 2010
35 rhums, 2008
Vers Mathilde, 2005
L’Intrus, 2004
Vendredi soir, 2002
Vers Nancy (Segment du film Ten Minutes Older: The Cello), 2002
Trouble Every Day, 2001
Beau travail, 1999
Nénette et Boni, 1996
Nice, very Nice (Segment du film A propos de Nice, la suite), 1994
J’ai pas sommeil, 1994
U.S. Go Home (Collection : Tous les garçons et les filles de leur âge), 1994
La Robe à cerceau (épisode de la série Monologues), 1993
Keep It for Yourself (Segment du film Figaro Story), 1991
Pour Ushari Ahmed Mahmoud, Soudan (Segment de la série Contre l’Oubli), 1991 
Jacques Rivette, le veilleur. 1re partie : le jour (Collection : Cinéaste de notre temps), 1990
Jacques Rivette, le veilleur. 2e partie : la nuit (Collection : Cinéaste de notre temps), 1990
S’en fout la mort, 1990
Man No Run, 1989
Chocolat, 1988
Le 15 Mai, 1969