PREISVERLEIHUNG DER 15. AUFLAGE, 23.-29. APRIL 2009
INTERNATIONALER WETTBEWERB:
DIE INTERNATIONALE JURY:
Sally Berger (Kuratorin MOMA, USA), Fernand Melgar (Filmemacher, Schweiz), Hollman Morris (Journalist, Kolumbien), verleiht folgende Preise
Grand Prix der Schweizerischen Post – Visions du Réel von CHF 20'000.- an
L’ENCERCLEMENT – LA DEMOCRATIE DANS LES RETS DU NEOLIBERALISME von Richard Brouillette, Kanada
Unsere Welt wird derzeit von einer globalen Wirtschaftskrise betroffen. Alle wollen eine Erklärung dieses Phänomens, das Nationalwirtschaften sowie Individuen betrifft. Jetzt gibt es kein Buch, keine Vorlesung, sondern einen Film, der zwischen Kunst und Intellekt angesiedelt ist.
Er besteht aus einer Reihe von in Schwarzweiss gefilmten, kurzen und sorgfältig ausgewählten Gesprächen mit Wirtschaftsexperten, die in Kapitel unterteilt, mit Archivbildern ergänzt und mit origineller Musik untermalt sind. In den Gesprächen wird ein detaillertes Bild des die Welt prägenden Neoliberalismus entworfen. Richard Brouillettes Film L’Encerclement: La démocratie dans les rets du néolilbéralisme, der über zwölf Jahre lang in Arbeit war, kommt genau zum richtigen Zeitpunkt, um uns aufzuklären und deshalb auch den Grand Prix La Poste Suisse – Visions du Réel zu erhalten.
Preis der SRG SSR idée suisse von CHF 10'000.- an
DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN von Vadim Jendreyko, Schweiz/Deutschland
Der für den Prix Spécial SRG SSR idée suisse – Visions du Réel ausgewählte Film beeindruckt durch seine Umsetzung der literarischen Übersetzung in eine Metapher des Lebens. Dieses brillante biografische Porträt erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die während dem zweiten Weltkrieg mehrere Schicksalsschläge hinnehmen muss und die dank ihrer Leidenschaft fürs Lesen und für Sprachen den Gipfel der Kreativität erreicht.
Die enge Beziehung dieser scharfsinnigen Frau zu Dostojewskis Romanen wird mit aufmerksamen Beobachtungen ausdrucksvoll enthüllt. Der Film zeigt, mit welchen Methoden Swetlana Geier die Poesie der Erzählungen durchdringt, um diese aus dem Russischen ins Deutsche zu übertragen. Der Film Die Frau mit den 5 Elefanten erhält den Prix Spécial SRG SSR idée suisse – Visions du Réel für seine aussergewöhnliche Art, moralische Widersprüche in Kriegszeiten zu erörtern und uns dazu zu bringen, uns zu fragen, wie wir selbst in ähnlichen Umständen handeln würden.

- Richard Brouillette
- Vladimir Jendreyko
DIE PUBLIKUMSJURY:
Sergio Antrilli, Martine Bovon-Dumoulin, Jacob Lachat, verleiht den
Publikumspreis der Stadt Nyon von CHF 10'000.- an
LES DAMNES DE LA MER von Jawad Rhalib, Belgien/Marokko
Wartende Menschen, ihr Blick verliert sich am Horizont, verhaltene Gesten unterstreichen die Unaufhaltsamkeit der verstreichenden Zeit. Auf hoher See verhöhnen grosse Fischkutter den Untergang eines traditionellen Lebenserwerbs. Zwei Welten stehen sich gegenüber: auf der einen Seite Fischer, denen es verboten ist, ihren Beruf auszuüben, auf der andern die Macht des industriellen Fischfangs. Marokkaner, die von der eigenen Regierung ihrer natürlichen Ressourcen beraubt werden, und zwar zugunsten internationaler Konzerne.
Die Publikumsjury hat ihren Preis dem Film Les damnés de la mer von Jawad Rhalib für seine Gestaltung, seine Bildqualität und die subtile Montage verliehen. Der Film stellt grundsätzliche Fragen zur Globalisierung und legt verschiedene Schichten der Unterdrückung frei: wirtschaftliche, politische und kulturelle.

- Jawad Rhalib

- Jawad Rhalib
DIE INTERRELIGIÖSE JURY:
Herz Frank (Israel), Saida Keller-Messahli (Tunesien/Schweiz), Marie-Thérèse Mäder (Schweiz), Mikael Mogren (Schweden), verleiht den
Preis der interreligiösen Jury von CHF 5'000.-
der Schweizerischen katholischen Kirche und der Vereinigung der protestantischen Kirchen der Romandie an
MENTAL von Kazuhiro Soda, Japan/USA
Im Zentrum des in Japan gedrehten Films stehen als psychisch krank diagnostizierte Menschen. Sie geben Einblick in ihre Innenwelt und führen vor Augen, wie sehr die Grenze zwischen gesund und krank fliessend ist. Der Film vermittelt ein respektvolles Bild menschlicher Integrität.
Sowie eine lobende Erwähnung an
DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN von Vadim Jendreyko, Schweiz/Deutschland
Die Jury interreligieux vergibt eine lobende Erwähnung dem poetisch-liebevollen Porträt der Übersetzerin Swetlana Geier, die trotz Schicksalsschlägen ihre Menschlichkeit bewahrt hat.
- Kazuhiro Soda
- Vladimir Jendreyko
DIE JURY DES JUNGEN PUBLIKUMS:
Sara Azzara, Chloé Démétriadès, Camille Kaiser, Kiri Santer, Florence Winteler, verleiht den
Preis des jungen Publikums der Hotelvereinigung der Côte von CHF 3'000.- an
PETROPOLIS – AERIAL PERSPECTIVES ON THE ALBERTA TAR SANDS von Peter Mettler, Kanada
Die Reise beginnt in einer idyllischen Welt, die von üppig grünender Vegetation beherrscht wird. Man lässt sich von der Strömung des Flusses tragen, die uns mitnimmt. Der Wald erstreckt sich ins Unendliche, und nichts anderes scheint zu existieren. Man schwebt.
Der Atem stockt, wenn man die Grenzen der Welt erreicht, da wo sich der Mensch verbirgt, um das Unvorstellbare zu begehen. Jetzt beginnt das Herz der Erde mit dumpfem Dröhnen zu schlagen; es macht fast den Eindruck, man höre sie klagen. Vom Menschen vergewaltigt und ohne Gewissensbisse ausgenützt, offenbart sie uns ihre Wunden in einem Augenblick der Intimität...
Sowie eine lobende Erwähnung an
TWENTY SHOW LE FILM von Godefroy Fouray und François Vautier, Frankreich
Eine Palette Jugendlicher, die ihre Einsamkeit übers Internet mit andern teilen und uns ohne Umstände Einblick in ihre Privatsphäre gewähren. Gerührt nimmt man an ihren alltäglichen Eindrücken über die Welt teil, in der sie leben. Sie nehmen uns auf eine überraschende, von Zweifeln und Humor gespickte Reise mit. Es war kühn, sich ein Projekt auszudenken, das Fiktion und Realität via Videoblogs mischt, ohne dass die Filmemacher mit den Protagonisten Kontakt gehabt hätten. Eine sehr zeitgemässe Art, das Thema anzugehen, und eine beeindruckende, gelungene Innovation.

- Peter Mettler
- Godefroy Fouray
REGARDS NEUFS:
DIE JURY REGARDS NEUFS:
Boris Despodov (Filmemacher, Bulgarien), Ricardo Iscar (Filmemacher, Spanien), Vincent Pluss (Filmemacher, Schweiz), Guillaume Sylvestre (Filmemacher, Kanada),
hat einstimmig beschlossen, diese beiden Preise REGARDS NEUFS Filmen zu geben, die auf einen gewissen Formalismus und das Streben nach einem narzisstischen Ästhetizismus verzichten, um sich auf ehrliche, sensible und ungewöhnliche Art mit dem Anderen auseinander zu setzen. Das heisst Filmen, die eine Geschichte in Bildern erzählen und eine lebendige Beziehung zu ihren Protagonisten aufbauen. Und das ist ihrer Meinung nach die Definition selbst von Kino, sei es dokumentarisch oder fiktional.
Die JURY REGARD NEUF verleiht folgende Preise:
Zwei Preise des Kantons Waadt von je CHF 5’000.- an
CASH AND MARRY von Georgiev Atanas, Österreich/Mazedonien
Für seine Fähigkeit, ein grundlegendes politisches Thema auf originelle, erfrischende und unprätentiöse Art zu behandeln, für seine ungewöhnliche Erzählstruktur, für Sinn für Humor, seine Ehrlichkeit und seine Kühnheit.
BABAJI, AN INDIAN LOVE STORY von Jiska Rickels, Niederlande
Für die gekonnte Illustration der Vergangenheit anhand von Bildern aus der Gegenwart und eine Realisierung, die ganz auf die Emotion und die Gestalten eingeht, geben wir den Preis REGARDS NEUFS auch einem Film mit präziser Architektur, der zärtlich und humorvoll eine sowohl starke als auch zeitlose Liebesgeschichte erzählt.
Sowie eine lobende Erwähnung an
18 ANS von Frédérique Pollet Rouyer, Frankreich/Belgien
Für einen starken Film, der von einem echten filmischen Talent und einer ausser-gewöhnlichen Meisterschaft zeugt und gleichzeitig mit Empathie, Achtung und Intelligenz die menschliche Seele zu verstehen versucht.

- Sinisha Juricic, Produktor von "Cash and Marry"
- Jiska Rickels
- Frédérique Pollet Rouyer
CINEMA SUISSE:
DIE JURY SCHWEIZER FILM:
Margit Eschenbach (Leitung Studienbereich Film ZHdK, Schweiz), Wilbur Leguebe (Leitung der Redaktion Dokumentarfilm RTBF, Belgien), Doris Metz (Filmemacherin und Autorin, Deutschland), verleiht den
Preis der George Foundation für den besten Newcomer-Film von CHF 10'000.- an
FAMILIENTREFFEN – MARTHALER THEATER IM GRAND HOTEL von Sarah Derendinger, Schweiz
Es geht um eine Einladung an ein seltsames Familienfest. In einem zauberhaften und zugleich beunruhigenden Rahmen nehmen wir an einem einmalig stattfindendem Ritual teil. Die Poesie des Kinos verbindet sich mit derjenigen des Theaters und des Gesangs. Es geht hier nicht um die Dokumentation über die Entstehung eines Schauspiels, sondern um die Kreation an und für sich, die sich von Marthaler und dessen Truppe inspirieren lässt.
Preis Suissimage und der Schweizerischen Autorengesellschaft SSA für den innovativsten Schweizer Film von CHF 10'000.- an
DIE FRAU MIT DEN 5 ELEFANTEN von Vadim Jendreyko, Schweiz/Deutschland
Die Suche nach dem Geheimnis von Worten und Texten und ihren inneren Rhythmen ist die geistige Quelle ihres Lebens und hat sie zwei Diktaturen ueberstehen lassen. Alles – selbst die einfachen Dinge des Alltags – sind in ihrem Leben miteinander verbunden . Immer geht es um das Wesen der Dinge und ihre innere Stimmigkeit - ob Küchenzwiebel oder die Texte Dostojewskijs. Empathisch wird ein filmischer Raum geoeffnet , in dem sich die faszinierende Protagonistin und ihre Vision der Welt beeindruckend darstellen kann. Dem Regisseur gelingt ein vielschichtiges wie berührendes Porträt von grosser cineastischer Kraft, das seiner Hauptfigur die Dimension eines Gesamtkunstwerkes verleiht. Der Akt des Übersetzens als geistige Haltung praegt die Arbeit von Swetlana Geier wie die der filmischen Annäherung .

- Sarah Derendinger
ALLE SEKTIONEN:
DIE JURY «REGARDS SUR LE CRIME»:
Jean-Luc Bourgeois (Philosoph), Thomas Krompecher (Professor, Gerichtsmediziner), Uzma Khamis Vannini (Anwalt), verleiht den
Preis «Regards sur le crime» einer Gruppe von Anwälten des Kanton Genf und Waadt von CHF 5’000.- an
THE SOLDIER’S TALE von Penny Allen, Frankreich
Diese zufällige Begegnung mit einem den Kriegslügen zum Opfer gefallenen, völlig verstörten Soldaten ist der Jury nahe gegangen. Die Filmemacherin versteht es meisterhaft, ganz ohne Ideologie in einem improvisierten Dialog mit einem doppelten Blick zu spielen: dem auf die den Opfern zugefügte Gewalt und dem auf die einsame Verzweiflung des Killers, der von seinen Albträumen heimgesucht wird. Dank der Erzählung, den unglaublich brutalen Fotos und Videos, die er wie Trophäen aus dem Irak mitbringt, macht der Film die Betrachtung über das Verbrechen im Krieg zu einem pazifistischen Manifest.

- Penny Allen
DIE JURY BUYENS-CHAGOLL:
(Ein vom gefeierten Cineasten-Paar Franz Buyens und Lydia Chagoll (Atelier VDR 2008) ins Leben gerufener Preis, der ein Werk mit humanistischem Wert auszeichnet.)
Lydia Chagoll (Filmemacherin, Brüssel), Luciano Rigolini (Produzent und Fotograf, Paris - Lugano), Jenny Billeter (Mitarbeiterin des Cercle du Travail von Visions du Réel, Zürich), Jean Perret (Festivalleiter von Visions du Réel, Nyon), verleiht den
Prix «Buyens-Chagoll» von CHF 5’000.- an
EL OLVIDO von Heddy Honigmann, Niederlande/Deutschland
Gestaltung, Rhythmus, Montage, Regie, Musik, Fotografie und Bildeinstellung dieses Dokumentarfilms haben die vier Mitglieder der Jury begeistert.
Der Inhalt bringt uns die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme nahe, und das Ganze ist auf bewundernswerte Weise mit Humor, Satire und Ironie in Szene gesetzt.
Die Betrachtungsweise der Regisseurin ist von einer bemerkenswerten Würde und dem Respekt gegenüber den Menschen geprägt.
Der Film erlaubt uns, einen Blick auf die Realität und die Unterschiede zu werfen zwischen denen, die haben, und jenen, denen das Recht auf ein menschen-würdiges Leben verwehrt wird, ohne selbst ins Elend zu verfallen.
- Heddy Honigmann
